
Schwerpunktthema
Marktausblick für das zweite Halbjahr 2026
Öl: Der nächste Schock
Nach der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine ist der Irankrieg in dieser Dekade der dritte substanzielle Energieschock. Laut der internationalen Energieagentur IEA ist es die größte Angebotsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts.
Was diesen Energieschock von früheren Krisen unterscheidet, ist das Ausmaß der Marktstörung. Der aktuelle Schock unterbricht die Produktion, blockiert Exporte und beschädigt die Infrastruktur in mehreren Förderstaaten gleichzeitig. Bis dato liefen rund 20 Prozent der globalen Ölexporte über den Seeweg durch die Straße von Hormus. Zwar leiteten Golfproduzenten Teilvolumina über Pipelines um, dennoch sank das globale Rohölangebot allein im März um rund zehn Prozent. Die US-Blockade iranischer Häfen entzog dem Markt weitere drei Prozent Öl-Angebot, was einen kombinierten Ausfall von 13 Prozent ergibt, der damit fast doppelt so hoch ist wie 1979 nach der Revolution im Iran. Um die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen des aktuellen Schocks einschätzen zu können, lohnt es sich, zunächst die Mechanismen, Akteure und Abhängigkeiten des globalen Ölmarkts zu betrachten.
Das Fundament des Ölmarkts
Die größten nachgewiesenen Vorkommen befinden sich in Venezuela, Saudi-Arabien und dem Iran, die zusammen rund 45 Prozent der weltweiten Reserven auf sich vereinen. Als Ressourcen gelten die geologisch vorhandenen Vorkommen. Reserven hingegen sind der Anteil der Ressourcen, der zu aktuellen Preisen mit heutiger Technologie wirtschaftlich förderbar ist. Diese können sich durch Preisbewegungen und technologischen Fortschritt verschieben.
Reserven, Produktion und Verbrauch sind global ungleichmäßig verteilt. Die größten Produzenten sind die USA, Saudi-Arabien und Russland. Auf die Vereinigten Staaten entfallen inzwischen rund ein Fünftel der weltweiten Förderung, obwohl ihre Reserven mit etwa drei Prozent im globalen Vergleich gering sind. Saudi-Arabien und die meisten Golfstaaten sind Mitglieder der OPEC (Organisation der erdölexportierenden Länder), einem 1960 gegründeten Kartell, dessen erklärtes Ziel die Koordination der Förderpolitik seiner Mitglieder und die Stabilisierung der Ölmärkte ist. Die OPEC-Staaten vereinen heute rund 37 Prozent der globalen Rohölförderung auf sich, verfügen jedoch über mehr als 70 Prozent der weltweiten nachgewiesenen Reserven. Auf der Nachfrageseite dominieren die USA mit knapp 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs, gefolgt von China mit rund 16 Prozent.
Diese geografische Trennung von Förder- und Verbrauchszentren macht Öl zu einem der am stärksten international gehandelten Güter. Rund die Hälfte der globalen Rohölproduktion und etwa ein Viertel der raffinierten Produkte werden grenzüberschreitend gehandelt. Vor der aktuellen Krise wurden 48 Prozent der gesamten Rohölproduktion exportiert, davon wiederum 96 Prozent per Tanker über den Seeweg. Ergänzt wird dieser Transport durch Pipelines im kontinentalen Verkehr und Tanklaster auf der letzten Meile der Distribution. In Phasen der Knappheit offenbart dieses System jedoch seine Kehrseite. Im globalen Wettbewerb um knappe Frachten zählen eingespielte Handelsbeziehungen und Verlässlichkeit immer weniger – es gewinnt, wer am meisten zahlt. Bieterwettbewerbe um Tanker, deren Ladung sich noch auf hoher See befindet, sind inzwischen keine Ausnahme mehr.

Hinzu kommt, dass nicht jedes Barrel die gleiche Qualität besitzt. Leichte, schwefelarme Sorten lassen sich einfach zu hochwertigen Kraftstoffen wie Benzin, Diesel oder Kerosin verarbeiten und erzielen entsprechend höhere Preise. Dabei ist die Wertschöpfungskette – von der Förderung über den Transport bis zur Raffination – ein System mit vielen potenziellen Engpässen. Da viele Raffinerien auf bestimmte Rohölqualitäten ausgelegt sind, lassen sich Sorten nur begrenzt substituieren. In geopolitischen Krisen reagieren deshalb nicht nur die Rohölpreise, sondern auch die Märkte für raffinierte Produkte häufig besonders empfindlich.
Preisbildung auf dem Ölmarkt
Da es unterschiedliche Sorten von Erdöl gibt, existiert auch kein einheitlicher Ölpreis. Rohöl wird auf einem globalen Spotmarkt gehandelt, auf dem die Preise für eine sofortige Lieferung festgelegt werden. Dabei beziehen sich die Preise in der Regel auf standardisierte Referenzsorten: Brent ist die wichtigste internationale Benchmark für rund zwei Drittel des globalen Ölhandels und West Texas Intermediate (WTI) die US-amerikanische Referenzsorte für leichtes, schwefelarmes Rohöl. Obwohl die Preise der vielen weltweit produzierten Rohölsorten eng miteinander korrelieren, bestehen persistente Preisabschläge für schwere, schwefelreiche Sorten gegenüber leichten, schwefelarmen Qualitäten.
Der Ölpreis ergibt sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen Angebot, Nachfrage und den Erwartungen hinsichtlich künftiger Entwicklungen. Auf der Angebotsseite spielen geopolitische Risiken eine zentrale Rolle. Antizipierte Lieferengpässe durch Konflikte, Sanktionen oder Produktionsausfälle können Preise abrupt steigen lassen – oft bevor die Unterbrechungen überhaupt eintreten. Ergänzend wirkt die Angebotssteuerung durch die OPEC und die OPEC+, indem sie die Fördermengen koordiniert begrenzt oder ausweitet. Daneben haben große Nicht- OPEC-Produzenten – allen voran die USA – durch den Schieferölboom die Fähigkeit entwickelt, vergleichsweise flexibel auf Preissignale zu reagieren. Damit können sie als Swing Producer kurzfristig ausgleichend wirken. Ein weiteres Instrument zur Angebotssteuerung sind strategische Ölreserven: staatlich gehaltene Rohölbestände, die im Falle plötzlicher Versorgungsunterbrechungen rasch freigegeben werden können. Die größten strategischen Reserven halten China mit rund 1,4 Milliarden Barrel, die USA mit aktuell rund 365 Millionen Barrel und Japan mit rund 263 Millionen Barrel. Auf der Nachfrageseite ist die weltwirtschaftliche Dynamik der entscheidende Treiber: Wachstumsphasen erhöhen den Energieverbrauch spürbar, während Rezessionen die Nachfrage dämpfen. Der auf Finanzmarktteilnehmer entfallende Handel mit Öl- Derivaten kann diese Bewegungen zusätzlich verstärken und Preisausschläge über das fundamental gerechtfertigte Maß hinaustreiben.
Ein strukturelles Merkmal des Ölmarkts ist der sogenannte „Schweinezyklus”
Auf einen Preisschock reagiert das Angebot zunächst kaum, da sich die Produktionskapazitäten nicht kurzfristig erhöhen lassen. Erst mit erheblicher Verzögerung erfolgen Investitionen, die dann wiederum zu einem Überangebot führen können, wenn der ursprüngliche Schock längst abgeklungen ist. In der aktuellen Krise zeigt sich dieses Muster erneut. Trotz gestiegener Gewinne haben US-Ölkonzerne wie Exxon und Chevron angekündigt, ihre Förderung nicht wesentlich über das vor dem Krieg geplante Niveau auszuweiten. Der Grund ist strukturell: Unternehmen entwickeln keine langfristigen Produktionskapazitäten auf Basis kurzfristiger Preisausschläge. Solange unklar bleibt, ob und wann die verlorenen Förder- und Exportmengen zurückkehren, bleibt das Angebot unelastisch.
Für Privatanleger, die von der Preisentwicklung des Spotmarkts profitieren möchten, ist der direkte Kauf von physischem Öl aus logistischen und regulatorischen Gründen nicht möglich. Der gängigste Weg sind börsengehandelte Rohstoffprodukte, sogenannte ETCs (Exchange Traded Commodities), die allerdings nicht den Spotpreis direkt abbilden. Im Gegensatz zu Gold-ETCs, die häufig physisch durch das Edelmetall selbst gedeckt sind, bilden Öl-ETCs den Preis synthetisch ab. Als Basiswert dienen standardisierte, börsengehandelte Terminkontrakte, sogenannte Futures. Da diese Kontrakte regelmäßig erneuert werden müssen, entstehen neben der Verwaltungskostenpauschale zusätzliche Rollkosten. Da die Terminkurse in der Regel von den Spotpreisen abweichen, kann es im Vergleich zum Spotpreis zudem zu einer abweichenden Wertentwicklung kommen. Einen indirekteren Zugang zum Ölmarkt bieten Aktien von Energieunternehmen. In der Regel schlagen sich steigende Ölpreise in höheren Gewinnen und Dividenden der großen vertikal integrierten Ölkonzerne nieder, wenngleich unternehmensspezifische Faktoren die Korrelation zum reinen Ölpreis dämpfen können.
Während auf dem Spotmarkt Öl zur sofortigen Lieferung gehandelt wird, dienen Terminmärkte primär zwei Zwecken: der Absicherung gegen Preisschwankungen und der Preisfindung für künftige Lieferzeitpunkte. Ein börsengehandelter Öl-Terminkontrakt verpflichtet Käufer und Verkäufer, eine festgelegte Menge Öl zu einem heute vereinbarten Preis an einem bestimmten zukünftigen Datum zu handeln. Produzenten nutzen Futures, um ihre künftigen Erlöse abzusichern und um Investitionsentscheidungen auf einer verlässlicheren Kalkulationsbasis treffen zu können. Abnehmer wiederum sichern sich damit gegen plötzliche Preissteigerungen ab.

Futureskurve als zentrales Analysewerkzeug am börslichen Terminmarkt
Die Futureskurve stellt die Terminpreise über verschiedene Laufzeiten hinweg dar. Ihre Form gibt Auskunft über die aktuelle Marktstruktur. Steigt die Kurve mit zunehmender Laufzeit an, spricht man von „Contango“. Fällt die Kurve hingegen, liegt „Backwardation“ vor. Hier notieren die Terminpreise unter dem Spotpreis, was auf eine akute Knappheit im physischen Markt oder eine starke Nachfrage nach sofortiger Lieferung bzw. terminlicher Absicherung hindeutet. Die aktuelle Backwardation spiegelt die Erwartung, dass die Krise nur temporär ist. Allerdings sollte die Futureskurve nicht als Prognose missverstanden werden. Terminpreise spiegeln wider, was Käufer und Verkäufer heute bereit sind, für eine künftige Lieferung zu vereinbaren und nicht, was sie für den dann tatsächlich herrschenden Preis erwarten.
Ölmarkt im Wandel
Unabhängig davon, wie schnell eine diplomatische Lösung im Konflikt um die Straße von Hormus gefunden wird, werden die Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte noch weit über das laufende Jahr hinausreichen.
Durch die eingeleitete Waffenruhe zwischen den Kriegsparteien dürfte sich kurzfristig eine schrittweise Normalisierung des Preisniveaus abzeichnen. Zwar steht das Wiederauffüllen der strategischen Ölreserven noch aus, was eine zusätzliche Nachfrage erzeugt und den Preisverfall voraussichtlich abfedern wird. Gleichzeitig ist jedoch damit zu rechnen, dass die Förderstaaten außerhalb des Golfs diesen Entspannungstrend durch den schrittweisen Ausbau ihrer Produktionskapazitäten unterstützen werden. Auch wenn dieser Prozess langsam voranschreitet, trägt er im zweiten Halbjahr zusammen mit der Marktöffnung am Golf tendenziell zu einer Entlastung der Angebotsseite bei. Die Preisrisiken nach oben haben sich damit spürbar abgeschwächt – solange die Verhandlungen stabil bleiben und eine erneute Eskalation der Kampfhandlungen ausbleibt.
Mittelfristig zeichnet sich eine tiefgreifende Neuausrichtung der globalen Energiepolitik ab. Regierungen weltweit priorisieren zunehmend die heimische Förderung, den Ausbau nationaler Reservekapazitäten und die Abkehr von labilen internationalen Lieferketten. Diese Entwicklung macht auch vor den traditionellen Institutionen des Ölmarktes nicht halt. So schwächt der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC die Fähigkeit des Kartells, das globale Angebot durch koordinierte Förderquoten zu steuern. Dies ist besonders bedeutsam, da die Emirate zu den wenigen Produzenten mit nennenswerten freien Förderkapazitäten gehören. Die Bereitschaft wichtiger Förderstaaten, nationale Interessen über die kollektive Marktsteuerung zu stellen, nimmt zu. Dadurch könnte die OPEC langfristig an Einfluss verlieren und der Ölmarkt könnte noch störungsanfälliger werden.

Ölpreise von über hundert Dollar können die Dekarbonisierung beschleunigen. Dabei steht weniger der Klimaschutz im Vordergrund, sondern vor allem die geopolitische Notwendigkeit. Regierungen, die bisher gezögert haben, erkennen in einer heimischen Infrastruktur für erneuerbare Energien eine Versicherung gegen staatliche Erpressung durch feindliche Akteure. Andererseits erzwingt die akute Knappheit kurzfristig genau das Gegenteil. Der Druck, Versorgungslücken sofort zu schließen, treibt einige Länder zu stillgelegten Kohle- und Kernkraftwerken zurück und erhöht die Bevorratung fossiler Energien.